Lukasklause

Vom Wehrturm
zum Wissensort

Die Lukasklause erzählt die Geschichte
ihres Wandels zum Guericke-Zentrum.

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Über Jahrhunderte hinweg war die Lukasklause vieles zugleich: Wehrturm, Teil der mächtigen Stadtbefestigung, Bastion, Künstlerrefugium und Ort des Wiederaufbaus. Ihre Mauern erzählen von Belagerungen, Zerstörung und Neubeginn – und spiegeln die wechselvolle Geschichte Magdeburgs wider.

Heute ist aus diesem historischen Bauwerk weit mehr geworden. Mit dem Guericke-Zentrum verbindet sich Vergangenheit mit Gegenwart: ein Ort, an dem Stadtgeschichte, Wissenschaft und das Erbe Otto von Guerickes zusammenfinden. Die Entwicklung von der mittelalterlichen Wehranlage zum lebendigen Zentrum für Wissen und Begegnung macht die Lukasklause zu einem einzigartigen Geschichtsort – und zu einem Schlüssel für das Verständnis Magdeburgs bis heute.

Von der Lukasklause zum Guericke-Zentrum

Die Anfänge als Teil
der mittelalterlichen Stadtbefestigung

Die Geschichte der Lukasklause beginnt im 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Ausbau der Magdeburger Stadtbefestigung. Bereits 1236 schenkte Erzbischof Wilbrand der Stadt zwei Morgen Land, um die Stadtmauer nach Nordosten zu vollenden. Die erste urkundliche Erwähnung des Bauwerks selbst stammt aus dem Jahr 1279, als der sogenannte „Welsche Turm“ genannt wird. In einer weiteren Urkunde von 1312 taucht er unter der Bezeichnung „Walsgetüm“ auf. Die genaue Bedeutung dieser frühen Namen ist nicht eindeutig geklärt, verweist jedoch auf die militärische Funktion des Turmes, der spätestens im 15. Jahrhundert durch Schießscharten an der Elb- und Südseite eindeutig als Wehrbau genutzt wurde.

Ausbau zur Festungs-
anlage und Bewährungsproben im Krieg

Im 16. Jahrhundert wurde der Turm in die erweiterte Befestigungsanlage „Neues Werk“ einbezogen und gewann weiter an strategischer Bedeutung. Während der Belagerung Magdeburgs durch Moritz von Sachsen in den Jahren 1550 und 1551 bewährte sich die Anlage erfolgreich. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb der Ort militärisch relevant: Wallensteins Truppen belagerten die Stadt mehrfach, und im Jahr 1631 kam es während der Erstürmung Magdeburgs durch die Truppen Pappenheims zu schweren Zerstörungen. Der Turm wurde an einer Schwachstelle nahe der Elbe teilweise zerstört, jedoch bereits 1633 unter schwedischer Besatzung notdürftig wiederaufgebaut.

Bastion Preußen und
militärische Nutzung
bis ins 19. Jahrhundert

Nach dem Übergang Magdeburgs an Brandenburg-Preußen wurde die Festungsanlage weiter modernisiert. Ab 1680 entstand aus dem Neuen Werk die Bastion Preußen, in deren Zentrum der Turm nun als „Turm Preußen“ erhalten blieb. Die militärische Nutzung prägte das Bauwerk über viele Jahrzehnte. Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte der Bau der Eisenbahnlinie Magdeburg–Wittenberg die Anlage erneut: 1851 wurde ein Eisenbahntor in die Bastion integriert, was weitere bauliche Anpassungen notwendig machte und den Übergang in eine neue Epoche einleitete.

Vom Festungsbau zur Künstlerklause

Mit dem Ende des Festungszwangs um 1900 begann die zivile Phase des Bauwerks. Der Künstlerverein St. Lukas e. V. erwarb den Turm Preußen und ließ ihn zwischen 1902 und 1903 unter Leitung von Professor Adolf Rettelbusch umfassend umbauen. Der historisierende An- und Ausbau schuf neue Wohn-, Atelier- und Ausstellungsräume. 1904 wurde das Gebäude vollständig vom Künstlerverein genutzt, zugleich fanden hier Vorträge des Kulturhistorischen Museums statt. In dieser Zeit erhielt das Bauwerk seinen bis heute geläufigen Namen: Lukasklause.

Brüche des 20. Jahrhunderts und neue Nutzungen

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs endete die Nutzung durch den Künstlerverein. Das Gebäude wurde bis 1945 von der NSDAP genutzt. Nach Kriegsende begann eine ganz andere Phase: Die Lukasklause diente bis in die späten 1970er-Jahre als Kindergarten und als Station „Junge Techniker“. Parallel wurde sie 1974 in die Gestaltung der Elbuferpromenade einbezogen und damit wieder stärker in den öffentlichen Stadtraum integriert.

Wiederentdeckung als Museumsort

In den Jahren 1981 bis 1983 wurde das Gebäude grundlegend rekonstruiert. Am 1. Mai 1983 eröffnete die Lukasklause als Museum mit wechselnden Ausstellungen und einer Gaststätte. Ein wichtiger Meilenstein folgte 1986 mit der Ausstellung zum 300. Todestag Otto von Guerickes unter dem Titel „In seiner Zeit für unsere Zeit“. Diese Ausstellung legte den Grundstein für die dauerhafte Verbindung des Ortes mit dem Leben und Werk des großen Magdeburgers.

Vom Museum zum Guericke-Zentrum

Am 29. Juni 1995 wurde die Lukasklause unter der Trägerschaft der Otto-von-Guericke-Gesellschaft offiziell als Otto-von-Guericke-Museum eröffnet. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Ort kontinuierlich weiter. Mit dem Erweiterungsbau und der damit verbundenen funktionalen und räumlichen Ergänzung erfolgte 2010 schließlich die Umbenennung in Guericke-Zentrum. Damit wurde aus der historischen Lukasklause ein moderner Ort für Wissenschaft, Bildung, Begegnung und Stadtgeschichte – tief verwurzelt in der Vergangenheit und zugleich offen für die Gegenwart.

Wehrturm und Neues Werk

Die erste urkundliche Erwähnung befindet sich in der Schöppenchronik (1279) von Lammspringe: Eine Schiffsmühle wurde beim Welschen Turm gebaut. Eine Erklärung für die Bezeichnung Welscher Turm ist, dass er von einem italienischen oder lombardischen Festungsbaumeister errichtet wurde. Die Entstehungszeit des spätgotischen Turmes konnte bisher nicht exakt bestimmt werden. In einer Urkunde von 1312 gibt es einen Hinweis auf ein Walsgetüm. Die ursprüngliche Bezeichnung wal lässt im Mittelniederdeutschen mehrere Deutungen zu: Wal bedeutet Kampf, demzufolge ist wohl der Turm im Zusammenhang mit Kämpfen entstanden. Die Schreibweise vals bedeutet soviel wie Fälscher, Betrüger. Das deutet wahrscheinlich auf einen Schuldturm hin. Die spätere Umwandlung in das volkstümliche welsch ist nicht nachvollziehbar. Eine genaue Klärung war bisher nicht möglich.

Tilly stürmt Magdeburg


Am 4. Mai 1631 sandte Tilly einen Trompeter in die Stadt Magdeburg mit einem Schreiben an den Rat, an den Festungskommandanten Falckenberg und an den Administrator mit der Forderung, die Stadt zu öffnen. Der Rat antwortete am 12. Mai und schlug einen Vergleich aus. Bereits vom 7. bis zum 9. Mai wurde die Stadt heftig beschossen. Unter dem Druck der heranziehenden Schweden schickte Tilly dem Rat am 18. Mai eine letzte Aufforderung, sich zu ergeben. Vor den Mauern der Stadt lagen auch die Truppen Pappenheims, des Herzogs von Holstein, des Grafen von Mansfeld und zwei kaiserliche Regimenter mit über 30.000 Mann. Falckenberg wollte noch am Abend des 19. Mai einen Ausfall vornehmen, um die Feinde von den belagerten Stadtmauern zu vertreiben.

Weil dieser aber unterblieb, nutzten vor allem die Truppen Pappenheims, die vor der Hohen Pforte lagen, die Gelegenheit, sich auf die Erstürmung vorzubereiten. Die Sturmleitern wurden noch am Abend angelegt. Der Rat hatte sich am 20. Mai schon um 4.00 Uhr morgens getroffen, um über weitere Maßnahmen zu beraten. Aber das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Meldungen über Bewegungen vor den Toren der Stadt überstürzten sich. Die Kroaten stürmten durch das seichte Elbwasser und das Fischertor in die Stadt. Es gelang ihnen, die das Stadttor Hohe Pforte von innen zu öffnen, so dass die kaiserlichen Söldner in die Stadt kamen, um zu plündern, zu schänden und zu morden.Im  Jahr 1633 begann der zögerliche Wiedeaufbau der Stadt unter der schwedischen Besatzung. Otto von Guericke als ausgebildeter Städte- und Festungsplaner erhielt von den Schweden den Auftrag, die zerstörte Stadt neu zu vermessen und einen Plan zum Wiederaufbau zu erstellen. Dieser Originalplan liegt im Kriegsarchiv in Schweden, eine Kopie hängt im Guericke-Museum“

Bastion Preußen


Mit der Übernahme der Stadt Magdeburg begann 1679 unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) ihr Ausbau zu einer Festung. Der bekannte Gouverneur des Herzogtums Magdeburg, Leopold von Anhalt-Dessau (Alter Dessauer, 1676-1747) trug seitdem für den Wiederaufbau Magdeburgs und den Auf- und Ausbau der Festung die Verantwortung. Damit stieg die militärstrategische Bedeutung der Stadt erheblich.

Magdeburg wurde im 18. Jahrhundert zur stärksten Festung Brandenburg-Preußens. Die Wallanlagen nahmen doppelt soviel Fläche ein wie die bebaute Stadtfläche Magdeburgs. Das Neue Werk, eine im 16. Jahrhundert angelegte Bastion, wurde unter der veränderten Bezeichnung Bastion Preußen in die neuen Festungsgewerke einbezogen. Der in ihr befindliche mittelalterliche Turm blieb erhalten und wurde als Turm Preußen bezeichnet.

1717 ließ der Militärkommandant nahe des Turmes ein neues, großes Provianthaus bauen. Zum westlichen Elbufer hin entstand 1724 bis 1725 die noch heute sichtbare und erhaltene Mauer, die um 1855 mit Schießscharten versehen wurde.

Die 1851 in gesamter Länge eröffnete Eisenbahnstrecke Magdeburg - Wittenberg wurde zwischen der Bastion Preußen und der Elbe in die befestigte Stadt eingeführt. Das zog einen teilweisen Umbau der Bastion nach sich. Zur Elbe hin wurde die noch vorhandene krenelierte Bruchsteinmauer errichtet und ein aufwendiges Eisenbahnfestungstor mit einer Klappbrücke angelegt, von dem der südliche Teil, das sogenannte innere Tor noch teilweise erhalten ist.

Der Turm Preußen ist auch heute noch beeindruckend in seinen Ausmaßen: Die Gesamthöhe des achteckigen Bauwerkes beträgt 21,70 m und der Durchmesser 11,42 m. Im Erdgeschoss ist das Mauerwerk 1,42 m stark. Der Turm besitzt einen Keller und drei nutzbare Stockwerke.

Künstlerklause St. Lukas


Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Festungszwang schrittweise aufgehoben. Die Stadt erwarb einen Teil der Wallanlagen für die Stadterweiterung.

1900 kaufte der Künstlerverein St. Lukas e.V. zu Magdeburg den Turm Preußen. Ab 1902 wurde er unter Leitung von Professor Rettelbusch (1858-1934) ausgebaut. Dieser ließ das Gebälk und das Dach erneuern sowie alle alten Maueröffnungen verschließen beziehungsweise zu Türen und Fenstern erweitert. Durch einen Anbau mit einem runden Backsteintreppenturm und einer Fachwerkgalerie im historisierenden Stil wurden die Nutzungsmöglichkeiten wesentlich erweitert.

Mit dem Abschluss der Bauarbeiten 1903 wurde der Turm dem Schutzpatron der Maler St. Lukas geweiht, das Gesamtgebäude wird Lukasklause genannt. Eine Inschrift an der Wand zum Vorraum weist auf die Einweihung der Lukasklause hin. Zur gleichen Zeit entstanden auch die Parkanlagen um das Rondell mit einem Teich, Brücken, Wegen und der Blumenbepflanzung neu. Der Park wurde 1945 zerstört, wogegen die Lukasklause den Krieg fast unbeschadet überstand.

Otto-von-Guericke-Museum


In den frühen 1980er-Jahren wurde die Lukasklause grundlegend rekonstruiert. Die bauliche Erneuerung erfolgte durch den damaligen VEB Denkmalpflege, heute Paul Schuster GmbH, während die Rechtsträgerschaft beim Kulturhistorischen Museum der Stadt Magdeburg lag. Mit der Ausstellung zum 300. Todestag Otto von Guerickes im Jahr 1986 gewann der Ort erstmals wieder überregionale Aufmerksamkeit und wurde zunehmend als authentischer Erinnerungs- und Vermittlungsort wahrgenommen.

Nach mehreren organisatorischen Veränderungen entschied die Stadt, die Lukasklause dauerhaft für die Arbeit der Otto-von-Guericke-Gesellschaft bereitzustellen. Nach notwendigen Instandsetzungsarbeiten wurde das Gebäude am 29. Juni 1995 offiziell als Otto-von-Guericke-Museum eröffnet. Damit war der Grundstein für eine langfristige inhaltliche und institutionelle Entwicklung gelegt, die Wissenschaft, Stadtgeschichte und Öffentlichkeit miteinander verband.

In den folgenden Jahren etablierte sich die Lukasklause als kultureller Veranstaltungs- und Bildungsort. Parallel dazu wurde der bauliche Zustand kontinuierlich verbessert, unter anderem durch die Herstellung eines barrierefreien Zugangs. Die wachsende Bedeutung des Standorts führte schließlich dazu, dass die Lukasklause im Rahmen der Internationalen Bauausstellung als Referenzobjekt ausgewählt wurde. Mit dem Erweiterungsbau, dessen Vorarbeiten 2008 begannen, entwickelte sich der historische Ort weiter – und wurde 2010 als Guericke-Zentrum neu eröffnet.

Guericke-Zentrum


Mit der Fertigstellung erfolgte 2010 die Eröffnung mit einem erheblich verbesserten Raumzuwachs. So entstanden ein großer Tagungsraum (Bild), ein völlig neuer Eingangsbereich (Bild), Personal- und Lagerräume sowie ein Raum zum Experimentieren (Bild) für Schülergruppen.Nach der erfolgten Ausstattung hat die Gesellschaft und die Stiftung die Möglichkeit verschiedenartige Tagungen, Konferenzen, Veranstaltungen und Ausstellungen  durchzuführen. Im Vorsaal des Tagungsraumes erfolgte die Einrichtung einer Dauerausstellung zum IBA-Motto „Leben an und mit der Elbe, eine Stadt am Fluss“. Hauptsächlich werden die Räumlichkeiten des Gebäudes und des Gartens durch die Guericke-Gesellschaft und- Stiftung genutzt. Eine Vermietung an Dritte ist möglich.